Der letzte Arbeitstag

Es ist schon komisch, da freut man sich Wochen und Monate darauf ......

und wenn es dann soweit ist, kommt doch etwas Wehmut auf. Heute hatte ich meinen letzten Arbeitstag und musste mich von Kollegen, Chefs, Mitarbeitern und Freunden verabschieden.

Ich emotional? Niemals!!!

Die letzten sieben Jahre meines Lebens bestanden zu einem großen Teil darin in die Arbeit zu gehen. Und ich ging fast immer gern zur Arbeit. Ich mochte meinen Job und ich mochte meine Kollegen. Ich war als Krankenpfleger in einer forensisch psychiatrischen Fachklinik angestellt.  In diesen sieben Jahren ist einiges passiert und ich könnte mit den Anekdoten aus der Klinik wahrscheinlich Bücher füllen. 

Ich kann es immer noch nicht so richtig begreifen. Heute ist damit Schluss. Ich werde die Klinik nicht mehr betreten, meinen Schlüssel entgegen nehmen, mich in die klassisch weiße Dienstkleidung schmeißen und meinen Dienst mit einem Kaffee bei der Schichtübergabe beginnen.

 

Nachdem ich gestern meinen letzen Frühdienst absolviert habe, meine Dienstkleidung das letzte mal auszog, meinen Spint das letzte mal zusperrte, war mir schon etwas mulmig zumute.  Heute stand dann nur noch organisatorisches auf dem Plan. Wie ich diesen Tag verbracht habe und wie es mir erging erfahrt ihr in chronologischer Reihenfolge.

 

5:30 Uhr: Der Wecker von Alex klingelt, sie hat heute ihren letzten Frühdienst. Ich erinnere mich kurz, dass ich erst später in die Arbeit muss, dreh mich nochmal um und schlafe noch ne Runde.

 

6:30 Uhr: Ich werde zart von der Instrumentalversion von Despacito geweckt und kann es kaum glauben, dass es schon eine Stunde her ist, seit der erste Wecker geläutet hat.

 

7:15 Uhr: Nachdem ich das dritte mal die Snoozetaste auf meinem Handy gedrückt habe, ins Bad gegangen bin, mich ein wenig kultiviert habe, freute ich mich erst mal auf einen Kaffee.

 

7:20 Uhr: Das war wohl nix mit Kaffee... da wir schon seit einigen Tagen die Wohnung Schritt für Schritt ausräumen und alles dafür vorbereiten, war die Kaffeemaschine gerade auseinandergebaut und zum entkalken bereit. 

 

7:30 Uhr: Ich zieh mir meine Motorradklamotten über, da das Auto schon verkauft ist, fahr ich seit einem Monat mit meinem alten Mopped durch die Gegend. Heute morgen geht`s, 11 Grad und trocken. Die letzten Tage war mir der Wettergott nicht so wohl gesonnen. Also raus aus der Wohnung und ab zum Bäcker, die Kollegen wollen schließlich zum Abschied nochmal ordentlich zusammen Frühstücken.

 

7:31 Uhr: Ich setz mich auf mein Mopped, drücke gerade den Elektrostarter, da fällt es mir ein: Verdammt, ich hab gestern noch gewaschen. Also absteigen, in voller Motorradkluft inklusiver Helm in den Keller und Wäsche aufhängen.

 

7:45 Uhr: Jetzt aber ab zum Bäcker, frische Brezen kaufen und auf den schnellsten Weg in die Arbeit. Mist..... ich hab vergessen, dass der Weg zur Arbeit gesperrt ist und eine Umleitung eingerichtet wurde.... das war wohl nix mit schnell .

 

8:15 Uhr: Endlich, ich bin angekommen. Die Kollegen an der Pforte händigen mir meinen Dienstausweis aus und ich muss kurz lachen, bei dem Gedanken, dass ich heute das letzte Mal einstemple. Auf meiner Station angekommen, begrüßen mich schon die Kollegen vom Frühdienst und unsere Stationspsychologin, welche ihren gewohnten Tätigkeiten nachgingen. Ich schaute ein letztes Mal in meinen PC Account, schickte mir wichtige Dokumente auf meine private e-mail Adresse und löschte alles Unwichtige. Die obligatorische Abschieds E-Mail an alle Kollegen, war auch schnell geschrieben. 

 

9:30 Uhr: Wie es bei uns so üblich ist, musste ich natürlich noch einen kleinen Ausstand bezahlen. Ich lud klassisch zum Weißwurstfrühstück ein. Und so saßen wir ein letztes mal zusammen und verbrachten die letzte gemeinsame Pause. Meine Kollegen von der Pflege, unsere Psychologinnen, Kollegen von der Nachbarstation und meine Chefs. Wir unterhielten uns über alte Geschichten und Anekdoten, lachten viel und aßen zusammen.

 

10:00 Uhr: Dann war es soweit, das große verabschieden ging los. Ich schüttelte viele Hände, ich wurde ziemlich oft gedrückt und ich muss sagen, das ging mir schon ziemlich nahe. Ich werde viele von diesen Menschen wohl nie wieder sehen - schade eigentlich- .

Meine Kollegen haben zusammengelegt und für mich gesammelt. Ich bekam ein Geschenk überreicht. Ein *"Ohnewörtebuch" eine Karte und Geld. Vielen Dank nochmal an alle! Das hat mich wirklich sehr gefreut.

 

10:15 Uhr: Jetzt aber nichts wie weg... Ich hab ein komisches Gefühl im Bauch, was ich nicht wirklich zuordnen kann. Bin ich traurig? Bin ich wehmütig? Ich weiß es nicht genau. Ich weiß nur, jetzt ist es an der Zeit meine Station zu verlassen.

 

11:30 Uhr: Nachdem ich noch ein paar organisatorische Dinge in der Verwaltung geklärt habe, war  nur noch eines zu erledigen.....

 

11:31 Uhr: Es klingt wohl ziemlich blöd. Aber eines der schwierigsten Dinge an meinem letzen Arbeitstag war der Besuch beim Haustechniker. Ich gab meine Schlüssel ab. Er nahm sie entgegen und schnitt mit einer riesigen Zange den Schlüsselring auf. Nachdem er die Schlüssel mit einem Formblatt abgeglichen hat, war es amtlich: Ich bin jetzt arbeitslos. Sieben Jahre konnte ich mich in unserer Klinik frei bewegen, konnte fast jede Türe selbstständig sperren. Aber jetzt bin ich Schlüssellos. Das bezeichnet man dann wohl als Schlüsselerlebnis :-)

 

12:00 Uhr: Die letzten Türen werden mir von Kollegen geöffnet, auf dem Weg nach draußen werden noch ein paar Hände geschüttelt und ich verlasse das letzte mal das Gebäude, in dem ich so viel erlebt habe, in dem ich Alex kennen gelernt habe , das mir einige Nerven gekostet hat, aber in das ich trotzdem immer sehr gerne gegangen bin.

 

12:10 Uhr: Ich zieh mir am Parkplatz wieder meine Motorradkleidung an und fahre nach Hause. Auf dem Weg seniere ich ein wenig vor mich hin. Ich erinnere mich an die letzen sieben Jahre und werde doch ein wenig traurig. Ich fahre immer weiter weg von meinem ehemaligen Arbeitsplatz und dann beschließe ich über den heutigen Tag einen Blogartikel zu schreiben.

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Kommentare: 1
  • #1

    Franz (Dienstag, 18 September 2018 23:01)

    Ich Wein ja schon fast mit beim Abschied.
    Mir geht es genau anders Rum, ich werde immer wehmütig, wenn ich in die Klinik muss.
    Wahrscheinlich ändert sich das mit dem Plan einer Weltreise.
    In jedem Fall ist die Klinik viel mehr als 2 Leute losgeworden.
    Ihr beiden seid nämlich unersetzlich.
    Wenigstens fährt meine Tochter jetzt eines eurer Autos.
    Die letzten Tage wird der Auspuff immer lauter - hoffentlich hattet ihr noch andere Gründe für die Reise..
    Ich vermisse euch.
    Franz